Heute möchte ich ein wenig von meiner Vergangenheit mit Ihnen teilen, und ich danke Herrn Scherf und dem Verein Neue Welle für diese Gelegenheit.
Ich bin 24 Jahre alt und habe so viel zu sagen, dass es für hundert Jahre reicht, doch leider reicht mein Deutsch nicht aus, um alle meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen.
Vor zwei Jahren bin ich auf Umwegen aus Afghanistan nach Deutschland gekommen, lebe derzeit in Altenkirchen und besuche seit fünf Monaten einen Sprachkurs. Ich möchte die deutsche Sprache so gut wie möglich erlernen. Am Anfang, als ich gerade in Deutschland angekommen war, dachte ich, dass Deutsch zu lernen sehr schwierig sein muss, und jetzt weiß ich, dass ich recht hatte. Dennoch bin ich mittlerweile zu dem Schluss gekommen, dass die deutsche Sprache eine der besten Sprachen der Welt ist.
Jetzt, beim Schreiben dieses Textes, bin ich aufgeregt, die Erinnerung lässt mich ein wenig im Stich, aber ich hoffe, dass der Text für die, die ihn lesen und hören, nicht langweilig wird.
Der Grund, warum meine Familie, als ich zwölf oder dreizehn war, Afghanistan verließ, war der Krieg. Klein wie ich war, habe ich nicht verstanden, was er bedeutet. Jeden Tag wurden Menschen getötet und nach Hause gebracht, um begraben zu werden.
Die Entscheidung meine Heimat zu verlassen, wurde von meinen Eltern getroffen, nicht von mir, aber ich habe dafür Verständnis. Wenn Sie Kinder haben, ist Ihr ganzes Denken darauf ausgerichtet, diese am Leben zu erhalten. Die Wahl eines Ortes, an dem kein Krieg herrscht und wo Ihre Kinder besser und sicherer leben, ist also nachvollziehbar.
Wenn ich an der Stelle meiner Eltern gewesen wäre, hätte ich die gleiche Entscheidung getroffen und ich bin ihnen dafür dankbar. Sie haben ihr Bestes versucht und nun liegt es an mir, diese Chance zu nutzen.
In Afghanistan bin ich bereits vier Jahre zur Schule gegangen und konnte direkt mit der zweiten Klasse beginnen, da ich vorher im Religionsunterricht bereits Buchstabieren gelernt hatte. Der Fußweg zur Schule dauerte 40 Minuten. Ich lernte schnell und hatte keine Probleme dem Unterricht zu folgen.
Als ich älter wurde, bin ich nicht mehr so gern in die Schule gegangen. Tatsächlich war die Schule manchmal geschlossen und so gingen meine Freunde und ich des Öfteren in den Wald und spielten, auch wenn wir eigentlich Schule hatten. Dann gab es am nächsten Tag ein Donnerwetter von unseren Lehrern, die ansonsten freundlich waren.
Unsere erste Station auf unserer Flucht aus unserer Heimat war der Iran. Für afghanische Einwanderer ist es schwierig im Iran zu leben und ich bin froh, dass wir dort nicht bleiben mussten. Dennoch möchte ich die Menschen dort nicht verletzen mit meinen Worten.
Unter großen Schwierigkeiten gelangten wir später nach Europa. Fünfzehn Jahre war ich zu diesem Zeitpunkt alt und ich glaube, unsere Reise von Teheran nach Istanbul dauerte zehn Tage. Teilweise waren wir auf engstem Raum mit fünfzig anderen Personen untergebracht, mehrere Nächte schliefen wir im Wald bei schlechtem Wetter ohne ausreichend Nahrung und Wasser. Als wir Istanbul erreichten, war mir allerdings nicht klar, dass meine Reise erst begonnen hatte.
Nach zwei Monaten ging es weiter nach Griechenland, wofür wir zwei Tage brauchten. Neun Monate dauerte unsere Durchquerung dieses Landes, um Italien zu erreichen, von wo aus wir nach zwei weiteren Wochen nach Norwegen aufbrachen.
Dieser Abschnitt unserer Reise war allerdings deutlich bequemer, da wir mit dem Bus und dem Zug fahren konnten.
Auch wenn sich dies alles einfach anhört, war die Reise sehr viel beschwerlicher, als Sie sich es vorstellen können, dochh um der Kürze des Textes willen möchte ich auf Details verzichten.
In Norwegen angekommen, war ich glücklich und erwartete, hier nun den Rest meines Lebens in Frieden verbringen zu können. Ich war in einem neuen Jugendlager außerhalb der Stadt mit anderen Gleichaltrigen. Wir sind ausgegangen, haben gelacht und gespielt, sind Freunde geworden in den fünf Monaten, die ich dort verbracht habe. Meine Freunde kamen aus vielen verschiedenen Ländern, es waren Araber dort, Iraner, Türken, Afrikaner und Afghanen.
Mein Glück endete mit einem Brief der Einwanderungsbehörde und der Mitteilung, dass wir in unsere Heimat zurückkehren müssen. Zwar könnten wir Widerspruch einlegen, aber wir mussten in ein abgelegenes Haus, wo ich mit vier älteren Leuten leben musste. Zur Stadt waren es zwei Stunden mit dem Bus, ich hatte keine Bekannten oder Freunde dort, nur einen Volleyball, mit dem ich draußen allein gegen die Wand spielte. Immerhin gab es einen Fernseher und zweimal im Monat ging es zum Einkaufen. Dieses Jahr, das ich dort verbrachte, werde ich für den Rest meines Lebens sicherlich nicht vergessen.
Schließlich teilte die Einwanderungsbehörde mir mit, dass ich nicht in Norwegen bleiben durfte, ich hatte einen Monat Zeit, das Land zu verlassen, ansonsten würde ich nach Afghanistan abgeschoben.
Meine nächste Station war Schweden, wo ich Asyl beantragte und bis zu meinem 18. Lebensjahr die Schule besuchte, um die Sprache zu lernen. In dem Lager außerhalb der Stadt, wo ich wohnte, fand ich viele Freunde, mit denen ich auch heute noch den Kontakt halte.